Neulich, in der Urban Academy...
02.05.2006
Pro:
Gute Idee, starke Umsetzung, originelle Interpretationen
Kontra:
Nichts
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
Häufigkeit der Nutzung
Dieser Tonträger ist:
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 Milsch
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:192
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 84 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
...wurden die Abschlußarbeiten der Eliteklasse "R&B und HipHop" veröffentlicht und benotet. Lehrerin Michelle de Vries hatte ihren Schülern folgende Aufgabe gestellt: "Wählen Sie einen beliebigen Song von Phil Collins und präsentieren Sie ihn in Ihrem persönlichen Musikstil." Warum ausgerechnet Phil Collins, Frau de Vries? "Weil Phil Collins über Jahrzehnte Kompositionen mit hohem Wiedererkennungswert und grossartigen Melodien geliefert hat, die durchaus in verschiedenen Arrangements und Stilrichtungen bestehen können. Es galt aufzuzeigen, dass herausragende Songs zeitlos sind und auch Klassiker moderne Interpretationen vertragen."
Welche Vorgaben wurden gemacht? "Im Prinzip keine. Die jungen Künstler durften mit dem Songmaterial anstellen, was immer sie wollten. Auch starke Verfremdungen waren zulässig. Einzige Bedingung: der Chorus, welcher üblicherweise den Charakter eines Stückes bestimmt, sollte erhalten bleiben." Waren Sie mit den Ergebnissen zufrieden? "Ja, sehr. Wir haben die Arbeiten auch Phil Collins zukommen lassen und eine positive Rückmeldung erhalten. Er fühlte sich sehr geschmeichelt. Um die Ergebnisse einem breiten Publikum zugänglich zu machen, haben wir alle Songs auf einer CD veröffentlicht. Sie heisst: Urban Renewal feat. The Songs of Phil Collins."
Würden Sie uns denn Ihre Benotungen und die Begründungen offenlegen, damit wir uns ein Bild von der CD machen können? "Natürlich, sehr gerne." ■ ANOTHER DAY IN PARADISE □ Brandy & Ray J ------------------------------------------------------------ Brandy und Ray J sind mit ihrer R&B-Version noch relativ nahe am Original geblieben. Etwas techniklastiger, mit einem typischen modernen Backbeat und einigen Voicesamples. Nicht so innovativ wie manch anderer Track, zu dem wir noch kommen, aber sehr stimmungsvoll und hitverdächtig. Note: eine starke 2.
■ SUSSUDIO □ Ol' Dirty Bastard ------------------------------------------------------------ Das ist eine grossartige Adaption eines Tracks, der eigentlich zu Collins' mäßigeren Kompositionen zählt. Bastard hat aus dem kernigen Blechbläser-Dur ein bombastisches Synthesizer-Moll mit Orchestersamples gemacht, einen groovigen Beat unterlegt und die Strophen durch Rapsequenzen ersetzt. Das Ganze mit leicht angezogener Bremse serviert, hervorragend zum Chill-Out oder auch als Dancetrack. Eine eindeutige 1+. ■ SOMETHING HAPPENED ON THE WAY TO HEAVEN □ Deborah Cox ------------------------------------------------------------ Deborah hat natürlich ziemlich dick aufgetragen und ausserdem recht offensichtlich bei Toni Braxtons "Unchain My Heart" abgeschrieben: schluchzende Streicher, ein sanft knisternder Rhythmus und hier und da einige Pianotöne zur Verzuckerung. Dennoch - oder gerade deshalb: der Song ist großes Kino, und Deborah Cox hat damit zum bittersüssen Herzschmerz-Text endlich das passende Arrangement gefunden, was Phil Collins mit seinen aufgedrehten Bläsern nie gelungen ist. Wie bei "Sussudio" macht auch hier der Shift von Dur zu Moll den besonderen Kick aus. Eine wundervolle 1+.
■ THIS MUST BE LOVE □ Dane Bowers feat. Kelis ------------------------------------------------------------ Vielleicht liegt es nur an der Qualität der anderen Arbeiten oder daran, dass der Song schon im Original recht unbekannt ist: auf jeden Fall geht Danes Arbeit ein klein wenig unter. Der händeklatschende Mid-Tempo-Song ist solides Handwerk, es gibt nichts zu beanstanden, aber das Besondere fehlt. Mit solchen Ansätzen stürmt man jedenfalls nicht die Charts, sondern wird eher zu gefälliger Hintergrundmusik. Insgesamt 2-. ■ IN THE AIR TONITE □ Lil' Kim feat. Phil Collins ------------------------------------------------------------ Lil' Kim ist vielleicht unsere vielversprechendste Absolventin, und sie war die Einzige, die Samples der Originalaufnahme in ihre Version integriert hat. Das ist auch hervorragend gelungen: Collins unterkühlter Gesang bildet einen herrlichen Kontrast zu Kim's wütenden, engagierten Rap-Passagen, und beides passt absolut zu der Komposition. Durch den forschen R&B-Beat wird das Teil zugleich modern und tanzbar. Hier wird der direkte Vergleich in zwei völlig konträren Stilarten mit Bravour gemeistert, selbstverständlich ist das eine 1+.
■ GOTTA HOLD OVER ME (EASY LOVER) □ Coko ------------------------------------------------------------ Coko hat die Aufgabenstellung ein bisschen verfehlt, weil sie vom Originalsong so gut wie nichts als die Titelzeile übrig gelassen hat. "Gotta Hold Over Me" ist im Prinzip ein neuer Song im Easy-Listening-Stil, sehr schaumgebremst, sehr soulig und an den langsamen Motown-Nummern orientiert. Insgesamt gut gelungen und sehr relaxt, aber eben nur bedingt im Sinne des Projektes. Daher 2-. ■ I DON'T CARE ANYMORE □ Kelis ------------------------------------------------------------ Ein schlichter Song, ein minimales Arrangement: ein quäkender, monotoner Synthesizer dominiert hier das Klangbild, dazu trägt Kelis betont gelangweilt die Vocals vor. Aufgepeppt wird das mit allerlei feinen Effekten wie unterlegten, lang gehaltenen Synth-Akkorden oder Scratchings. Nach einer Bridge mit angehaltenem Rhythmus wandelt sich Kelis launiger Gesang in ein wütendes, aggressives Schreien, um dann wieder in den monotonen Vortrag zurückzufallen. Das alles ist höchst abwechslungsreich und passt zu diesem Song wie die Faust aufs Auge. Natürlich eine weitere klare 1.
■ CAN'T TURN BACK THE YEARS □ Joe ------------------------------------------------------------ Eine wunderbare Ballade aus der zweiten Reihe der Collins-Songs, eines seiner versteckten Juwelen. Joe trifft die bittersüsse, melancholische Stimmung des Textes hundertprozentig mit seinem entspannten Vortrag: eine paar Piano-Akkorde und ein grandioses Jazz-Saxophon zaubern eine herrliche, traurige Leichtigkeit in diesen Titel, der Gesang ist angenehm unaufdringlich, so wie auch der kaum spürbare Rhythmus aus Rimclicks. Easy Listening vom Feinsten und eine 1+. ■ DO YOU REMEMBER □ Debelah Morgan ------------------------------------------------------------ Keine üble Adaption der sanften Ballade, aber ein bisschen verkrampft auf ein originelles Arrangement ausgerichtet, ohne dadurch dem Titel wirklich eine stimmige eigene Note zu geben. Nervig in der Strophe ist das monotone Hintergrundgeklimper auf einem Ton, das vom Klang her an ein Banjo erinnert. Insgesamt 3+.
■ AGAINST ALL ODDS □ Montell Jordan ------------------------------------------------------------ Eine von Collins' stärksten Balladen - und eine, die noch nie anständig gecovert wurde. Mariah Carey ist damit schon brachial untergegangen, und der gute Montell tut es ihr gleich. Denn trotz der herausragenden Komposition ist diese Nummer eben kein Selbstläufer, sie ist hochemotional und muss auch so interpretiert werden. Da reicht es nicht, ein paar Pianoakkorde, einen gefälligen Rhythmus und ein bisschen Fingerschnippen zu unterlegen und ansonsten das Engagement eines Tanzmusikers zu zeigen. Wenn Phil Collins voller verzweifelter Inbrunst den Refrain gibt - "Take a look at me now, there is just an empty space" - dann stellen sich alle Nackenhaare auf. Bei Montell Jordan überhört man das einfach. Langweilig, 4-. ■ ONE MORE NIGHT □ Changing Faces ------------------------------------------------------------ Das bräsige Original macht eigentlich nicht viel her, einer von Collins' stark kommerzialisierten Titeln. Mit ein paar gehauchten Vocal Lines, einer stimmungsvollen Akustikgitarre und - das ist der eigentliche Clou - minimal abgewandelten Harmonien im Refrain, zaubern die Changing Faces daraus eine höchst annehmbare Soulballade. Aus der Vorlage wirklich noch das Beste herausgeholt, das wird mit einer 1 belohnt.
■ ALL OF MY LIFE □ TQ ------------------------------------------------------------ Wie schon bei "Another Day", hält sich auch "All Of My Life" stark ans Original. Für mich vergleichsweise eher nachgesungen als neu interpretiert, das aber immerhin sehr ordentlich. Hätte man so nicht nochmal aufnehmen müssen, aber noch 2-. ■ I WISH IT WOULD RAIN DOWN □ Brian McKnight ------------------------------------------------------------ Brian entfernt sich mutig von der schweren Ballade und kommt mit einer schummernden, schrägen Minimalinstrumentalisierung daher. Deutlich zügiger und hektischer als beim Original spult er die Nummer mit einem Keyboard und ein paar Background-Vocals ab. Originell: anders als die meisten Songs hält er den Wiedererkennungswert der Strophe und verfremdet den Refrain stark, die meisten haben es andersrum gemacht. Gewöhnungsbedürftig und schwergängig, aber technisch gut. Eine 2-.
■ TAKE ME HOME □ Malik Pendleton ------------------------------------------------------------ Etwas ziellos laviert das Arrangement umeinander, der Gesang ist nicht besonders ansprechend, und der Titel geht nicht ins Ohr. Freilich ist die Nummer auch schwierig, auf diese Version hätte man aber auch gerne verzichten können. 3-4. Frau De Vries, herzlichen Dank für diese umfassende Vorstellung. "Gerne geschehen. Ich würde mir wünschen, dass viele Leser auf unsere Arbeit und die großartigen Interpretationen aufmerksam werden und sich dieser CD widmen."
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Die "Urban Acadamy" und die Eliteklasse "R&B und HipHop" sind natürlich reine Erfindungen. Sonst aber ist alles wahr: Michelle De Vries hat tatsächlich junge und teilweise noch wenig bekannte Künstler aus diesen Genres zusammengeführt, um sie Songs von Phil Collins interpretieren zu lassen. Und Phil Collins war in der Tat so angetan von dem Projekt, dass er im Booklet mit einem Grußwort zu finden ist.
Die CD ist freilich nicht so aktuell, wie der Berichtstitel suggeriert: sie wurde bereits 2001 veröffentlicht. Umso mehr ist mir aber daran gelegen, sie nochmals ins Bewusstsein der geneigten Zuhörer zu bringen. Es sind wirklich sehr gelungene Interpretationen dabei, und nur wenige schwache Tracks. Von mir daher 5 Sterne und eine klare Empfehlung, nicht nur für R&B oder Collins-Fans. Denn ich selbst bin ebenfalls beides nicht und von "Urban Renewal" dennoch sehr angetan.
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02.10.2006 18:33
Aha, diese Schlusssätze waren besonders wichtig, denn meine Collins-Zeit ist auch schon längst vorbei. Höchst informativer Bericht!
11.05.2006 09:08
Sehr gut Michael! Sehr überzeugend geschrieben!. Wäre beinahe auf die "Urban Academy" herein gefallen ... :-)) HG von Helmut
06.05.2006 16:06
Ich kenne die Songs zwar nicht, kann aber nachvollziehen, daß Phil Collins ein sehr guter Songschreiber für sich und andere ist. Wie die Zeit vergeht ... den langbärtigen Hippie zur Zeit von Genesis (Cover-Fotos der Peter Gabriel Zeit), da war er ein Drummer im Hintergrund, und das ist später noch aus ihm geworden ! Klasse Songbeschreibung. LG Tomas