Unmarked Helicopters
18.07.2011
Pro:
Die Stimmungen
Kontra:
Die Stimmen (die ich über meine Plomben empfange)
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
mehr
 Das_Ky
Über sich:
Wenn man 2:5 verliert war man nicht über 90 Minuten die bessere Mannschaft, Herr Lahm. /// Aus gegeb...
Mitglied seit:26.02.2004
Erfahrungsberichte:96
Vertrauende:44
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 77 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Nachdem ich mich in den letzten Wochen so intensiv mit Opeth befasst habe, wollte ich unbedingt auch die letzte uneingenommene Bastion erstürmen. Mit mir und „Watershed“ ist das nämlich so eine Sache. Ich glaube ich war schon beim Kauf voreingenommen. Zwei neue Bandmitglieder, außerdem hatte ich im Vorfeld von der VÖ überhaupt nix mitbekommen, die Platte war irgendwann einfach da. Ich war also etwas überrascht, überrumpelt und sicher in ungnädiger Stimmung. 2008 hörte ich generell selten Opeth. Es waren andere Sachen für mich wichtiger. Ich zog mir „Watershed“ zwei- bis drei Mal rein, kam nie weiter als bis zur Hälfte des 2. oder 3. Songs, war völlig konsterniert über diese Platte (und diverse andere Dinge) – es sollte einfach nicht sein. Ich legte sie erstmal ad acta in der Hoffnung, schon noch mit ihr zusammenzukommen. Inspiriert durch meine ganzen Opeth-Berichte und die Konzerte der DVDs wagte ich im Juni einen Neuanfang und siehe da – es klappte schon besser. Doch von vorne.
Haupteigenschaften Titel: Watershed Künstler: Opeth Genre: Progressive Rock; Death Metal Medium: CD Inhalt: 1 Veröffentlichungsdatum: 30. Mai 2008 Label: Roadrunner Vertrieb: Warner Music EAN: 016861796228
Bandbesetzung 2008: Mikael Akerfeldt (Vocals, Gitarre, Hauptsongwriter) Fredrik Akesson (Gitarren) Martin Mendez (Bass) Per Wiberg (Keyboard, Piano, Mellotron) Martin „Axe“ Axenrot (Drums)
„Watershed“ ist das 9. Studioalbum der 1990 gegründeten Band Opeth. Ich kann nach dem x-ten Hören sagen, dass mich nicht mehr gar so viel stört wie zu Anfang. Vielleicht habe ich inzwischen ja einen Babelfish im Ohr der die fremdartigen Einflüsse übersetzt, keine Ahnung. Stellenweise hat der Alien-Vergleich aber noch Bestand. Nach dem zwar wunderschönen, jedoch sehr exakt und perfekt produzierten Vorgänger „Ghost Reveries“ wollte Mikael Akerfeldt die nächste Platte wohl „gegen den Strich bürsten“. Teilweise sind die Übergänge bei „Watershed“ zwischen Songs / Songteilen ganz schön unsanft geworden. Innovation zeigt sich hingegen bei allen CDs von Opeth, man kann die Weiterentwicklung durch das Gesamtwerk verfolgen. Mit „Watershed“ haben sie die nächste Stufe erklommen. Zudem ist sie das 1. Album nach dem Weggang der lang gedienten Mitstreiter Peter Lindgren (g) und Martin Lopez (dr). Die beiden „Neuen“ Fredrik Akesson und Martin Axenrot bringen natürlich neues Blut. Bei den Drums fällt mir kein nennenswerter Unterschied auf, das hohe Niveau des Vorgängers wird problemlos gehalten.
Bei den Gitarren hingegen höre ich auf jeden Fall neue Elemente. Fredrik ist ein ausgezeichneter Gitarrespieler, das sieht man auch live. Seine Soloeinlagen bei der „Evolution XX“-Tour waren fantastisch. Ich finde seinen Stil eher straight-forward und aggressiv – das kollidiert mit dem eleganten, einfallsreichen Spiel von Mikael Akerfeldt. Es behindert sich aber nicht. Vielmehr entsteht aus diesen so unterschiedlichen Spielarten eine neue Kreuzung, ein aufregender Bastard. Wie der in Gestalt aussieht würde ich gerne wissen, meine Fantasie schlägt Funken! **1
Kommen wir mal zu den einzelnen Songs. „Coil“ ist ein wunderschöner Opener, das erste Duett in der Bandgeschichte, Mika und Nathalie Lorichs. Könnte durchaus im Radio laufen denn es ist völlig unmetallisch: gezupfte Akustikgitarren und einzeln angeschlagene Akkorde, im Hintergrund spielt eine Oboe. Sehr schöne zarte Melodie und dazu die harmonischen Stimmen – wunderbar.
„Heir apparent“ türmt sich vor mir auf wie der Todesstern. Gigantisch! Den Gesang finde ich total krass, so hab ich mir früher Voivod vorgestellt. Es ist als würde man schweben und dabei in die Tiefe des Weltalls starren. Im Hintergrund werden fiese Gamma-Strahlen abgeschossen, die sich als Keyboards getarnt haben. Mit „Lotus Eater“ hat man einen echten Klotz vor der Brust, einen Hybriden der sich in alle möglichen Richtungen entwickelt. Teilweise extrem eingängig (der Gesang zu Beginn), teilweise extrem sperrig (die gegenläufigen Keyboardparts in der Mitte - haarsträubend! Die zerren mir noch den Hörmuskel). Ob Mika heimlich eine Terror-Diktatur anstrebt? Doch halt, da sind wir wieder bei der eingängigen Melodie vom Anfang des Lieds angekommen, vielleicht wird ja doch alles gut … nein, die Keyboards sind zurück und bohren mir Löcher ins Hirn. Wahrscheinlich um eine Antenne darin zu verankern.
„Burden“ ist eine absolut perfekte Rockballade. Klaviertöne, schimmernde Keyboards, Schlagzeug, Bass; ruhige Gitarrenmelodien die sich auch mal in Soli auswachsen. Das Keyboard bekommt ebenfalls ein Solo zugestanden. Über all dem schweben Mikas Clean-Vocals, sehr gefühlvoll, vielleicht sogar ein bisschen zu glossy. Total straight, unkompliziert – vollkommen! Der Schluss gleitet allerdings in merkwürdige Dissonanzen ab. Nach dem vorangegangenen Hoch stürzt uns „Porcelain Heart“ in heftige Tiefen. Hier funktioniert das Hybriden-Dasein zwar schon besser, die Wechsel zwischen harten und zarten Passagen sind recht smooth geraten. Dennoch lässt dies Lied mich etwas ratlos zurück: ausrastende Drums, sirenengleiche Luftschutzbunker-Gitarren, dann wieder ein ruhiger Teil mit „Ahahaaaa“-Chor im Hintergrund … Ich muss es ja nicht verstehen :) Den Song hat übrigens Fredrik mitgeschrieben.
Die erste Hälfte von „Hessian Peel“ ist sehr angenehm zu hören. Ruhige Akustikgitarren, Flöten, hat was von Blackmore’s Night. Total gelassener, sanfter, klarer Gesang; vertrauensselig folgt man dieser Stimme in einen gesunden, heidnischen Forst und wandert zwischen den Bäumen umher. Zum Ende des Akustikteils wird es Nacht und man erkennt die Sterne inmitten der Baumkronen. Was für ein erhebender Anblick! Ja und dann gibt es einen Übergang und in meiner friedlichen kleinen Lichtung wird es plötzlich gleißend hell und ich werde an Orte gebeamt, an denen ich nie sein wollte (und bekomme silberne Instrumente in die Ohren gesteckt). Die folgenden 6 Minuten sind eher merkwürdig. Fremd, seltsam, metallisch, unruhig, … für mich ein zu krasser Wechsel. Und ich stehe auf krasse Wechsel! Die gehören bei dieser Band ja zum täglich Brot. „Hex Omega“ ist ein wohltuend klassischer Opethsong und somit der versöhnliche Schluss. Ganz normale Gitarren, Bass, Schlagzeug und Keyboards mäandern durch die Melodien und unterschiedlichen Spielweisen. Ich finde, die Musik leuchtet im Dunkeln. Weniger außerirdisch, mehr wie Tiefsee-Tiere, Kalmare etc. Irgend so was Phosphoreszierendes, Vielarmiges, das seine Kreise im kalten tiefen Dunkel der Ozeane zieht.
Insgesamt ist „Watershed“ eine erstaunliche Platte geworden. Alle Alben von Opeth sind einzigartig, aber selbst in dieser beeindruckenden Sammlung hat sie sich eine ganz eigene Nische geschaffen. Teilweise sehr vertrauenerweckend, einlullend friedfertig, harmonisch. Und dann wieder fast gewollt kompliziert, sperrig, unbequem, fremd. Es zeigt jedoch Wirkung. Wenn ich sie höre, kehre ich immer wieder zu den widerspenstigen Stellen zurück. Die prägen sich viel mehr ein, obwohl ich sie nicht wirklich mag. „Watershed“ findet ihren Weg in tiefere Bewusstseinsschichten, dagegen kann man sich nicht wehren. Sie ist sicher keine einfache Platte, dafür eine durch und durch bemerkenswerte, verblüffende, faszinierende. Sehr außergewöhnlich.
Vielleicht sollte ich mich ein paar Jahre mit ihr befassen, dann auf meinen Heimatplaneten zurückkehren und diesen Bericht updaten. Erst muss ich aber noch ein paar Kornkreise in meinen Teppich ziehen. :) Und ich bin auf die nächste Scheibe natürlich umso gespannter! Titel: „Heritage“ --- Release laut Homepage im September 2011
**1 Zum Stil von Mika fallen mir englische Adjektive ein (die deutsche Entsprechung ist von der Sprachmelodie her nicht so schön): sleek, slick, intricate, sophisticated. Zu Freddis Stil fallen mir gar keine Worte ein, ich habe nur ein Bild vor Augen: Das Wesen ist klein, muskulös, hat struppiges Fell und viele lange Zähne. Das exakte Bild müsst ihr euch selbst malen, am besten direkt mit Filzstift an die Wand. Oder mit Pinsel und Farbe auf die Straße. Riesig! Nachts. Nackt. Mit einer eingeschalteten Taschenlampe im Hintern!
Tracklist 1. Coil 2. Heir Apparent 3. The Lotus Eater 4. Burden 5. Porcelain Heart 6. Hessian Peel 7. Hex Omega
Wer behauptet, die Alben von Opeth und meine Berichte entstünden unter gewaltigem Rauschmittelkonsum ist Teil der Verschwörung.
The truth is out there. Trust no one.
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01.12.2011 18:14
Sehr aufschlussreich, ich hab vorher noch nie davon gehört :)
23.11.2011 07:50
Opetz, wie Du weißt, ist das keines meiner Lieblings Opetze. AKtuell hat es mir "Heritage" angetan, sonst ist es eher "Still Life". Die hier ist auch sehr gut, mir aber insgesamt zu sehr Steven Wilson geprägt.
10.10.2011 13:59
Wow. Was für ein Bericht.