Musik für Kopf, Mund, Bauch und Herz
04.06.2003
Pro:
Wenn's nicht arscht, isses für den Rock
Kontra:
teilweise an der Grenze zur Überproduziertheit
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
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 Visor1
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:81
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 53 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Popmusik wird oft mit „populär“, „Mainstream“ in Verbindung gebracht, und dazu fallen Namen wie „Madonna“, „Phil Collins“ oder auch „Dieter Bohlen“. Jetzt, genauer gesagt mit Virginia Jetzt!, wird der Beweis angetreten, dass Popmusik mit Mainstream und Charts nichts am Hute hat. Das Album heißt „Wer hat Angst vor Virginia Jetzt!“, dieser Titel ist nicht nur eine Anspielung an eine gewisse Woolf; der Arbeitstitel der Platte lautete „Tschüss Hamburg“, und unter dem Gesichtspunkt ist sie vielleicht dann doch irgendwie als Kampfansage zu betrachten.
Allgemein aber wollen Nino (Ges/Git), Thomas (Git/Key), Mathias (Bass) und Angelo (Drums) niemandem was böses, denn in der deutschen Musiklandschaft versteht man sich gut. Tocotronic-Fans sind sie sowieso, mit zahlreichen anderen deutschen Bands wie Miles, Readymade und den Sportfreunden haben sie schon mal live gespielt oder gar eine ganze Tour bestritten. Kein Grund zur Besorgnis also. Es muss natürlich die Frage gestellt werden, wo es hingehen soll mit diesem Debütalbum. Zuvor gab es eine Maxi-Vinyl-Scheibe „Pophymnen“ und daraufhin die „Mein Sein“-EP mit dem phänomenal guten titelgebenden Stück. Von daher sind Virginia Jetzt! in der Indie-Szene schon seit geraumer Zeit ein Begriff.
Es ist schwer, die Erwartungen der Intro-lesenden Indie-Szene zu erfüllen und gleichzeitig eine Platte zu machen, die Chancen hat, auf dem Markt zu bestehen. Zumal man vom renommierten Indie-Label „Blickpunkt Pop“ (u.a. Sportfreunde Stiller, Readymade, Samba, Subterfuge) zur großen Plattenfirma Motor gewechselt ist. Und so beginnt dann auch das Album. „Sie verlassen sich auf uns“ heißt der erste Track. Er beschäftigt sich mit den Fähigkeiten der Band, mit den Erwartungen des Publikums und ist in jedem Fall ein gelungenes Intro. „Wir wissen längt, das wird nicht reichen, und dennoch setzen wir so Zeichen, wir stellen die Weichen für neue Zeiten.“ – Neue Zeiten? Was sollen das für neue Zeiten sein? Meinen sie neue Zeiten für sich oder für die Musik, wie es dann in Track 3 („Das beste für alle“) heißt? Zusammen mit Mias Sängerin Mietze mahnen Virginia Jetzt! an, dass es „in jedem Falle (...) das beste für alle“ sei, „wenn endlich was geschieht, auf dem Gebiet der Rockmusik“, wo „schon die längste Zeit nur noch Eitelkeit und Neid“ herrschen.
Dazwischen liegt ein hervorragendes Beispiel dafür, wie es sich anhören kann, wenn endlich was geschieht: „Von guten Eltern“ wird vermutlich der Deutschpop-Sommerhit des Jahres. Seit Mitte Mai ist er als Single erhältlich und beeindruckt durch eine unglaublich eingängige und ohrwurmträchtige Melodie, fetzige Gitarren und Ninos faszinierende Stimme. Dieses Lied sollte man sich einfach einmal anhören; auf www.motor.de kann man sich übrigens auch das Video zum Lied anschauen. Als vierten Track hat ein „altes“ Lied den Weg auf das Album gefunden: „Fast wie Giganten“. Ein echter Klassiker, den man ohne jeden Zweifel mit dem Attribut „PopRock“ bestücken darf.
„Dreifach Schön“ ist ein Liebeslied, und was für eins! Eine Popballade mit Klavier und einem Text – moment, aus Mangel an Vergleichen hier ein Exzerpt: „Und ich hoff, dass wir uns immer gut verstehen / Und ich weiß, ohne Dich würd’s auch weitergehen / Doch mit Dir ist es dreifach schön“ – und das ist nur der Refrain. „Komm ich kitzel Dich so lang / Bis du umfällst irgendwann / und ich Dich fang“. Mit Thomas’ Orgel-Outro findet dieses Lied zu einem würdigen Abschluss, und dann wird auch schon wieder gerockt: Track 6, „Angekommen“, ist wiederum eines der bereits bekannten Lieder, das für das Album etwas schneller aufgenommen wurde. „Wir sind den ganzen Weg gegangen, aber nie hat etwas für uns angefangen; nun stehen wir wie benommen da, und doch ist es gut, denn das gab es hier noch nie.“ – Wie man sieht: Der Innovationsgedanke steht bei Virginia Jetzt! ganz weit vorn auf der Prioritätenliste. Track 7 ist dann (gemeinsam mit dem letzten Lied) der Tiefpunkt der Platte. „Halt die Zeit an“ ist eine wirklich schon langweilige Blues-Ballade, bei der die Grenze zum Kitsch verfehlt worden und somit die sonst hervorragende Gratwanderung nicht geglückt ist.
Das nächste Lied, das ich mal das Highlight nennen will, macht diesen Ausrutscher aber wieder mehr als wett. „Die Musik von hier nach dort“. Der Titel des Liedes taucht so gar nicht im Songtext auf, aber die Musik kommt trotzdem hier an. „So lang wir hierstehen / schreien wir es laut und raus und das klingt soo / Mein Kopf, mein Mund, mein Bauch, mein Herz klingt soo / klingt mein Herz.“. Was ich besonders an diesem Lied liebe, ist der gekonnte Einsatz von ruhigen Instrumentalpassagen, die dann weiter aufgelöst und wieder zusammengesetzt werden, Instrumente und Stimme wechseln, ergänzen sich, befinden sich stetig im Spiel miteinander. Bleibt zu sagen: Klasse Songwriting. „Und es hört nie auf, so lang ihr hier steht, schreien wir es...“ – und wir schreien mit! Schönes Lied zum Mitsingen. Und dann, an Neunter Stelle, das allseits bekannte und viel gelobte „Mein Sein“, wiederum ein Liebeslied, wiederum neu aufgenommen, wiederum etwas schneller. Stilmittel wurden bis an die Grenze zur Überproduziertheit hervorgehoben (Der Pause-Weiter-Effekt und auch die Tröte im Hintergrund, bei der mir bislang keiner sagen konnte, ob das nun ein Horn, eine Tuba, ein Synthesizer oder irgendwas ganz anderes ist). „All das soll immer mein sein, denn ich will nie mehr allein sein“.
Live sind Virginia Jetzt! übrigens mehr Rock drin, und was ich bei VJ!-Konzerten irgendwie schön finde, ist, dass Nino nicht nur sachte ins Mikrofon singt, sondern auch mal lauter ins Mikrofon schreit. Und das tut er bei „Weiterziehen“ auch auf der CD. Als ich dieses Lied live hörte, hatte ich plötzlich Tränen in den Augen und habe unfassbar glücklich abgetanzt. Dieses Lied ist Emotion pur. Es ist zwar eigentlich eine Art Ballade, aber der Refrain wird gerockt. In diesem Fall möchte ich Kante recht geben: „in manchem Moment ist“ dieses Musik „für eine Weile mehr als die Summe der einzelnen Teile“. Ein Stück, das einen wirklich bewegen kann. „Denn so lang wir noch keinen Anfang sehen, wenn wir weiterziehen, immer weiterziehen, denn der Nachtwind singt uns ein letztes Lied, wenn wir weiterziehen, immer weiterziehen, komm und halt mich fest, dass wir sicher stehen, und nicht untergehen, niemals untergehen.“ Statt untergehen dann lieber einschlafen. Denn der Abschluss, „Selbstbehauptungen und Grenzen“ ist wie schon der Name des Stücks irgendwie zum Einschlafen. Das muss gar nicht mal unbedingt negativ sein. Das Lied wirkt beruhigend, aber ist mit den Geigen und der überpronounzierten Stimme Ninos sowohl zu kitschig als auch zu überproduziert. Dazu Textzeilen wie „Deine Augen haben die Neugier eines jungen wilden Bären, und ich kann mir nicht verwehren, das noch näher zu erklären“ – BITTE WAS? Kein würdiges Ende für ein exzellentes Album einer vielversprechenden und sympathischen Band.
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22.10.2005 17:16
Schöner Bericht von einem wirklich tollen Album, das man immer wieder hören kann!
02.02.2005 21:03
So. muss sagen gelungener Bericht, aber ich habe mitlerweile die Lust an VJ! verloren. Dieses Album war das erste was ich von der Band gehört hab und ich war begeistert. Dann kamen sie für ein Konzert nach Lingen in meine Heimatstadt und ich war natürlich dabei. Das Konzert war ganz gut aber VJ! haben viele neuere Lieder (die auf "Anfänger" drauf sind) gesungen, und das war mir einfach viel zu ruhig. Da war ich doch etwas enttäuscht. Hab mir aber trotzdem "Anfänger" gekauft und war danach noch mehr enttäuscht. Die sind voll in die Schnulz-Pop-Szene abgerutscht. Hab mich dann auch gleich mal bei VJ! per Mail erkundigt, warum die denn nicht mehr rockige sachen machen (wie z.B. von guten Eltern) und zurück kam, das sie jetzt mehr ruhigere Sachen machen wollen und das rockige erstmal aus ihrem Programm gestrichen haben. Da war das Thema "VJ! -Find ich gut" für mich abgehakt. Finds echt schade weil ich die rockigeren Nummern von denen echt gut fand. Naja wer so Balladen gerne mag, für den ist VJ! und deren Album "Anfänger" genau das richtige. Und das bin ich nicht... =) LG Jule
03.06.2004 20:26
was habt ihr denn gegen das cover?!? tz! und: ich LIEBE ninos stimme.... der hammer und doll zum einschlafen (also positiv gemeint! =)). besten gruß, aida