Erfahrungsbericht über

Woods 5: Grey Skies & Electric Light - Woods Of Ypres

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Tief in den Wäldern

5  25.04.2012

Pro:
Der Tod ist gewiss

Kontra:
Seine Stunde ungewiss

Empfehlenswert: Ja  Der Autor besitzt das Produkt

Details:

Cover-Design:

Klangqualität:

Langzeithörspaß:

Häufigkeit der Nutzung

Dieser Tonträger ist:

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Das_Ky

Über sich: Der Regen hat mir einen Fleck in die Küchenwand gepieselt!

Mitglied seit:26.02.2004

Erfahrungsberichte:158

Vertrauende:54

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 63 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als besonders hilfreich bewertet

Wieder eine CD die ich pausenlos von einem Player zum anderen trage: Aus dem Auto ins Wohnzimmer ins Schlafzimmer ins Auto. So zwingend. Dabei wird das kein gewöhnlicher Bericht, nicht mal für meine Verhältnisse. Es wird ein Nachruf. Ein Abgesang.

Wie jede vernünftige (gute) Band hat auch das Zwei-Mann-Projekt Woods of Ypres einen Chef: David Gold. Der mit „Woods 5: Grey skies & electric light“ die Platte seines Lebens geschrieben hat und in Earache nach Jahren des herumkrebsens am Existenzminimum ein zugkräftiges Label hinter sich wusste. Was es ihm ermöglicht hätte seine Band, seinen Traum, in professioneller Weise zu betreiben. Doch David Gold wird seinen Ruhm nicht mehr erleben. Er starb 2011 bei einem Autounfall, ausgerechnet an Weihnachten.


Haupteigenschaften
Titel: Woods 5: Grey Skies & Electric Light
Künstler: Woods Of Ypres
Genre: Heavy Metal, Gothic, Dark Rock
Medium: CD
Set-Inhalt: 1
Veröffentlichungsdatum: 24. Februar 2012
Label: Earache
EAN: 5055006544619


Woods of Ypres gibt es seit 2002. Bereits ihr Demo „Woods 1 (Against the seasons)“ erregte Aufsehen in der kanadischen Metal-Szene. Ich habe ihre Musik also im Grunde in völlig falscher Reihenfolge für mich entdeckt. Ich hörte erst von ihnen als alles vorbei war und legte mir dann ihr letztes Werk zu. Wobei ich die Jungs rein unterschwellig schon seit längerem kenne. Bei jedem 2. Album was ich mir in den vergangenen Monaten gekauft habe erschien dieses Cover bei dem allseits beliebten Spiel: „Kunden die bla-bla kauften, kauften auch blä-blä“. Ich habe nur nie auf den Namen geachtet. Als ich dann gezielt danach suchte war alles klar. Die sind das. Ah ja.

Wikipedia bezeichnet Woods of Ypres als Black Metal. Lieber Leser. Lass dich von dieser Kategorisierung nicht abschrecken. Ich weiß nicht welcher lichtscheue Grottenolm sich das ausgedacht hat (womöglich der gleiche für den Dieter Bohlen Rock n Roll ist). Aber es ist nicht wahr. Woods of Ypres sind so gut wie alles: Sie sind Gothic, sie sind Metal, sie sind hochwertigster Düster-Rock. Sie haben Doom-Anleihen, sie haben Elektronik-Elemente, sie haben in David Gold einen vorzüglichen Sänger, Drummer, Gitarristen und Songwriter / Visionär. Ja, hin und wieder zieht das Tempo etwas an. Ja, die Stimme ist schon mal ein heiseres Keifen. Aber 80% des Gesangs sind klar und dunkel. „Woods 5“ ist kein Black Metal. Ende der Diskussion. Ich weiß nämlich was passiert sobald Menschen die Worte „Black Metal“ (oder „Death

Bilder
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Woods 5: Grey Skies & Electric Light - Woods Of Ypres WoY 1
von vorne
Metal“) hören. Sie rennen kopflos auseinander und suchen in Fötalhaltung Zuflucht im Bettkasten. Und das sollst du, werter Leser, nicht tun. Du sollst diesem Bericht weiter folgen, am Ende eine dir angemessen erscheinende Bewertung vornehmen und dir dann die CD zulegen. Wegen mir auf nicht legale Art (das mögen sie hier allerdings nicht so gerne, darum kaufst du sie brav wie sich das gehört und legst dich wieder hin).

Ich überlege übrigens noch ob es das Richtige ist über die Scheibe zu schreiben; Woods of Ypres möchte ich am liebsten in mir einschließen und sie mit niemandem auf der Welt teilen. Ich fahre nicht mal mehr mit offenem Fenster Auto. Die Obsessionen die ich in erschreckend kurzer Zeit entwickelt habe geben selbst mir zu denken und ich bin von mir einiges gewohnt. Was ist denn nun das Außergewöhnliche an gerade dieser Band unter meinen hundert anderen eifersüchtig bewachten Schätzen? David Gold war meiner Meinung nach völlig angstfrei. Er kannte keine Genregrenzen, keine Vorurteile, er hielt sich nicht an Konventionen. Hemmungslos und ohne Rücksicht auf Verluste mischte er sich die Zutaten für den perfekten Song zurecht. Dabei ordnete er sich ausschließlich dem Prinzip des besten Klangs unter und gebrauchte seine Stimme wie ein Instrument. Wo Gitarre, Bass und Schlagzeug zur Lautmalerei nicht mehr ausreichten, füllen Klavier, Cello und Oboe die Lücken. Ich habe in 20 Jahren Metalabhängigkeit kein einziges Mal jemanden erlebt, der so schweren und wuchtigen Kompositionen eine derart positive Einstellung verpasste. Und umgekehrt. Was rein musikalisch flockig-unbekümmert herangetanzt kommt, hat den deprimierendsten Text der Welt. David Gold kannte die Abseiten des Lebens, seine Bitterstoffe, seine Gerbsäure. All das Dunkle und Elendigliche was unser Dasein eintrübt. Und er nutzte es für sich. Er erzählte keine Märchen. Er schrieb kluge und philosophische Texte über Gott, die Liebe, den Wahnsinn unserer modernen Zeiten, die ausgleichende Gerechtigkeit der Natur. Er wusste aus 1. Hand dass man das Gute immer mit dem Schlechten nehmen muss. Er verharrte nicht in Melancholie und Stumpfsinn.


Die Tracks auf „Woods 5“ haben eine sagenhafte Strahl- und Durchschlagskraft. Selten hat mich eine einzige CD solchermaßen gefesselt, aufgewühlt und tief betroffen gemacht. Sie hat mich aber auch befreit. Beflügelt. Sie ist in sich selbst eine Reise, eine Achterbahnfahrt. Wie aus dieser homogenen, atmosphärisch dicht gefügten Masse ein Beispiel herausgreifen? Zumal es im Grunde nichts als Hits gibt.

Besondere Lobpreisung verdienen „Kiss my ashes (goodbye)“ und „Finality“, die auch noch aufeinander folgen. Erstgenanntes ist eine zehnminütige Hymne, ein Hohelied auf die Lebendigkeit. Wie fehlgeleitet ist der Mensch der sich einen tonnenschweren Klotz als Grabstein setzt und meint, deshalb verbliebe er im Gedenken, damit hätte er etwas erreicht. Während wir leben müssen wir uns erinnernswert machen. David hatte dazu die perfekte Einstellung: „But no monument for me, please. I didn’t need it in life. I won’t need it in death. Keep me out of sight, leave me out of mind. When I no longer serve you, just let the memories die. Kiss my ashes goodbye”. Und die Musik könnte kaum schöner, elegischer oder theatralischer sein und bietet den bestmöglichen Rahmen. Opulent, jedoch nicht übertrieben.

Noch besser drückt dieses Gefühl „Adora vivos“ aus: „The dead are to be forgotten, we are here to be adored. Love the living while they’re still alive. We shouldn’t worship the dead. Feel the urgency of time and don’t wait til death to sing my praise“. Dabei ist „Adora vivos” alles andere als schwelgerisch langsam sondern kloppt anfangs ordentlich los; kühle Elektronik trifft auf Feuerriffs. Im weiteren Verlauf rankt sich das Cello äußerst elegant um die Gesamtkomposition. Der Gesang klingt wie so oft etwas künstlich, es ist das was ich bereits sagte: David Gold hat seine Stimme wie ein Instrument benutzt. Es störte mich bei den ersten Durchläufen. Ich mag diese Art der Verzerrung nicht. Aber vom reinen Sound her passt es am besten und gibt dem Ganzen einen sehr modernen Anstrich. Ich denke trotzdem dass sich dazu die Meinungen teilen werden und es zum Knackpunkt wird, ob jemand die Musik mag oder nicht. Während des Refrains wird heiser geschrien, jedoch nicht zu aggro, man versteht jedes Wort. Die schönen Gitarren und Effekte mildern alle Kanten :)

Machen wir lieber einen Schritt zurück zu „Traveling alone“, in dem die Oboe ihren ersten Solo-Auftritt hat. Seit jeher mochte ich den warmen und irgendwie zaghaften Klang dieses Instruments. Und es passt perfekt zum ernsten Thema (Gott. Das Leben. Reichtum. Besitzansprüche). How fortunate the man with none. Wiederum in eine vollkommen anmutige Melodie verpackt, einen sehr geschickt angelegten Songverlauf. Man wird zum Nachdenken angeregt ob man will oder nicht und das finde ich großartig. Darüber hinaus lohnt es sich auf die beiden äußerst mitreißenden und packenden Opener hinzuweisen, „Lightning & Snow“ und „Death is not an exit“. Die haben alles was man braucht um die Leidenschaft für diese Band zu wecken: Geniale Spielweise, interessante Stilwechsel und eben das Extra-Quäntchen Besonderheit was einen echten Hit ausmacht. Unwiderstehlich, vor allem „Death“.

Aber eigentlich wollte ich ja etwas zu „Finality“ sagen. Das ist das Nonplusultra. Auch ohne die Vorgänger-Alben zu kennen behaupte ich einfach mal dass Woods of Ypres nie zuvor einen besseren oder ergreifenderen Song geschrieben haben. Es erscheint mir unmöglich ein solches Meisterwerk zu vervielfältigen. Einzig aus Klavier, Drums und Cello legt sich ein spinnwebfeines und ebenso kunstvolles Netz um den Hörer. Ja, der Gesang klingt wieder leicht verfremdet. Ja, das fühlt sich erstmal seltsam an. Geduld. Der hingebungsvolle Mittelteil kann nicht anders als zu verzaubern. Und der Schluss geht ganz tief unter die Haut und an den äußersten Rand der Seele. Das ist David Golds echte Stimme, unverzerrt und umso eindringlicher: „Though we leave the world apart, I still went peacefully, quietly. With you still firmly in my heart. I will wait forever. I wait.“ Wunderschön! Da fällt es in der Tat ein bisschen schwer in die Wirklichkeit zurückzukehren. „Finality“ ist wie aus einer anderen Welt, ein Traum in einem Traum. Egal wo ich den Song höre, ich bin jedes Mal aufs Neue tief in Gedanken, in Ehrfurcht verstummt und froh dass ich am Leben bin.

Wiki nennt übrigens die offensichtlichsten (und schlechtesten) Referenzen: Type o Negative und Agalloch. Entschuldigung, das ist ein Treppenwitz. Type o Negative haben in ihrer gesamten Bestandszeit nicht einen Track vom Kaliber des Woods of Ypres’schen Klangkosmos zuwege gebracht. Die dürften bei mir nicht mal auf dem gleichen Stück Papier stehen wie diese Götter (ich mag Type o Negative aber was zu viel ist, ist zu viel). Und Agalloch? Deren Erfolg ist mir unerklärlich. Die finde ich dermaßen langweilig dass mir Staubflusen in den Ohren wachsen. Ich nenne Ihnen mal meine Vergleichsbands. Die können Sie allesamt antesten falls Sie grad nix anderes vorhaben: Novembre, aus dem goldenen Zeitalter um die „Novembrine Waltz“ herum; Vintersorg (besonders in den „Oh-ho-ho“-Passagen); ein einzelnes Wort von Woods brachte mir das Gesamtwerk von Anathema vor mein geistiges Gehör (es war das Wort „quietly“, das könnte exakt so von Vinnie Cavanagh gesungen sein); der zähe, langsame, überaus dunkle Doom-Einschlag sind alte Paradise Lost. Und mehr will ich gar nicht sagen. Woods of Ypres stehen für sich selbst und das ist das Wichtigste. Sie erinnern mich nur an die genannten Namen.


Ich werde weiterhin in die Welt dieser Band vordringen und weiterhin in umgekehrter Reihenfolge; Album Nr. 4 ist bereits bestellt. Bin echt gespannt, auch auf alle anderen CDs. Für mich ist ihre Musik sehr stark von dem entfernt was wir als gewöhnlich oder Durchschnitt empfinden, sehr weit da draußen. Und doch stets ein Teil von mir. Faszinierend. Leider habe ich noch keine nennenswerte Bindung zu Woods of Ypres, denn ich habe sie gerade erst entdeckt. Und es ist anders als mit meinen anderen Lieblingen; eigentlich ist alles vorbei, es wird keine neuen Songs von David Gold geben. Das tut mir nicht wirklich leid; es tut mir leid für seine Familie. Aus musikalischer Sicht hat er der Welt unglaublich viel hinterlassen, in jedem einzelnen Lied stecken so viel Enthusiasmus, so viel Weisheit, so viel Liebe zur Kunst, zum Leben.

Ich trauere nicht um David Gold. Wer die Seelen und Herzen der Menschen in derart unvergesslicher Weise berührt, der stirbt nicht. Nie.

See you on the other side.

Tröstungen

Finality
http://www.youtube.com/watch?v=ZmqdXG_Fv-c

Traveling alone
http://www.youtube.com/watch?v=P8ieVfyEdZs

Death is not an exit
http://www.youtube.com/watch?v=3jPOZslnEZw

Adora vivos
http://www.youtube.com/watch?v=TUnBah_vU58

Tracklist:
1. Lightning & Snow
2. Death is Not an Exit
3. Keeper of the Ledger
4. Traveling Alone
5. Adora Vivos
6. Silver
7. Career Suicide (is Not Real Suicide)
8. Modern Life Architecture
9. Kiss My Ashes (Goodbye)
10. Finality
11. Alternate Ending


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
PeterPan2

PeterPan2

04.06.2012 10:45

Super Rezension. Man soll halt auch Wikipedia nicht alles glauben ;-).... LG Peter.

miss_chocolate

miss_chocolate

17.05.2012 13:27

Wie konnte mir nur dieser Bericht entgehen?! Ich entschuldige mich vielmals, ich weiß nicht, wie DAS passieren konnte. Eine Schande ;)

Fliegmaus32

Fliegmaus32

12.05.2012 10:27

"Grottenolm" ist eines meiner Lieblingsworte.

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